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Digitale Bildung in Deutschland ist zum Haareraufen

„Überall herrscht Aufbruchstimmung“, so Bundesbildungsministerin Anja Karliczek im Deutschen Bundestag am 04. März 2021. Sie sprach von schulischer Bildung. In Deutschland. Natürlich betonte sie beflissen, es gehe bei der Digitalisierung der Bildung um mehr als nur die Anschaffung von Technik. Aber wenn es dann daran geht, die eigenen Errungenschaften zu preisen, sind es doch nur wieder diese: Laptops für Schüler, Laptops für Lehrer, Administratorenstrukturen in den Ländern.

Es ist ein Trauerspiel, das ins Bild passt. Wenige Wochen erst ist es her, da hat die NRW-Schulministerin Yvonne Gebauer für 2,6 Mio € Brockhaus-Lizenzen gekauft, damit die Schülerinnen und Schüler nicht Wikipedia benutzen. Ganz so, als wäre das unser Problem. Die Wahrheit könnte kaum ferner liegen: Die Schülerinnen und Schüler müssen lernen, Wissen selbständig, aus unterschiedlichen Quellen, selbstbewusst und kritisch zu entdecken und zu bewerten. Das ist die Qualifikation, die sie für die digitale Welt benötigen. Stattdessen bekommen sie jetzt einen Link zu einer Quelle, bei der sie alle diese Lernerfahrungen explizit nicht machen. Es ist zum Haareraufen.

Noch einmal von vorn: Was ist digitale Bildung, warum ist sie unverzichtbar und was hat sie mit der Anschaffung von Laptops zu tun?

Digitale Bildung ist zunächst und vor allem Bildung für eine digitale Welt. Die Menge an verfügbarem Wissen wächst rasant, die Medien sind im Wandel, relevante Themen kommen und verblassen auch wieder. Unser Alltag wird schon in naher Zukunft sehr viel stärker noch als heute durch Algorithmen und Systeme künstlicher Intelligenz geprägt sein. Muss deshalb jedes Kind programmieren lernen? Nein, aber die Funktionsweisen verstehen, selbstständig und selbstbewusst damit umgehen können.

Welche Kompetenzen heutige Schülerinnen und Schüler in 20 Jahren in ihrem privaten wie professionellen Leben benötigen werden, ist im Detail unabsehbar. Es werden andere sein als heute. Daher müssen wir die Kinder heute schon in die Lage versetzen, sich diese Kompetenzen immer wieder selbst neu anzueignen. Die wichtigen Themen der 30er Jahre kennen wir noch nicht, daher müssen wir das Lernen lernen. Das braucht Raum und Zeit, Begleitung und Inspiration, lauter Themen, die beim Klassensatz Laptops nicht einfach beiliegen. Aber hier beginnt sie, die vielbeschworene digitale Bildung.

Unser Glück ist: Kinder wollen lernen.

Geben wir ihnen ein Umfeld, das diese Motivation verstärkt. Lassen wir im Gegenzug alles, mit dem wir meinen, Kinder zwingen zu müssen. Diese Liste ist lang, beginnt bei den Noten am Ende des Jahres und reicht bis zu der Annahme, wir könnten von Amts wegen für alle Kinder eines Bundeslands festlegen, mit welchen Inhalten sie sich im Deutschunterricht der siebten Klasse sinnvollerweise befassen sollten.

Eine solche digitale Bildung kann immer nur individualisierte Bildung sein. Jedes Kind in seinem Tempo, mit seinen Themen. Das ist, um das gängige Missverständnis auszuräumen, das genaue Gegenteil von organisiertem Nichtstun. Jedenfalls wenn wir es Kindern ermöglichen, jederzeit ein Echtzeit-Feedback zu erhalten, damit sie ihre eigene Entwicklung einschätzen können. Das braucht pädagogische Unterstützung. Glauben wir allen Ernstes, Lehrerinnen und Lehrer wären in der Lage, die präzise Entwicklung jedes einzelnen Kindes in jeder ihrer Klassen zu jedem Zeitpunkt differenziert einschätzen zu können? Wir verlangen Übermenschliches. Lehrerinnen und Lehrer brauchen ebenso wie Schülerinnen und Schüler ein digitales Instrumentarium, um die Lern- und Entwicklungsstände aller Beteiligten in Echtzeit dokumentieren und analysieren zu können.

Ganz nebenbei: Für alle diese Aufgaben ist es unerlässlich, leistungsfähige Technik und wirklich schnelles Internet zur Verfügung zu haben. Hier, erst hier, kommt die Technik ins Spiel. Die braucht es dann natürlich auch.

Das ist, in Summe, eine gewaltige Aufgabe, die unsere Bildungslandschaft gründlich verändern wird. Zugleich ist das alles sehr viel einfacher, als überall im Land Glasfaserkabel zu verlegen.

Darum: Fünf Schritte zu einer digitalen Bildung, die wir unmittelbar umsetzen können.

Infografik: Fünf Schritte zu einer digitalen Bildung, die wir unmittelbar umsetzen können.

  1. Tauschen wir Hausaufgaben und Unterricht. Dies ist die eine Maßnahme, die nichts kostet und unsere Schulen unmittelbar in die Gegenwart katapultiert. Bislang setzen wir darauf, neue Inhalte erst im Unterricht zu vermitteln, um sie anschließend zuhause zu üben. Solange wir noch vom Bild des allwissenden Lehrmeisters ausgingen, war das zwar nicht auch sinnvoll, aber doch wenigstens konsequent. Drehen wir es endlich um: Schülerinnen und Schüler lernen, sich eigenständig neue Themen zu erschließen. Im Unterricht ist anschließend Raum, die Inhalte zu vertiefen, zu sichern, zu üben. Mit einem Mal sind die Schülerinnen und Schüler selbst verantwortlich für ihren Lernprozess, Lehrerinnen und Lehrer werden zu aktiven Lernbegleiterinnen und Lernbegleitern. Kosten: 0 €. Vorlaufzeit: Keine. Fangen wir an.
  1. Richten wir Modellschulen ein, pro Bundesland fünf. Das sind schon 80 bundesweit. Geben wir diesen Schulen nicht nur freie Hand, Lernformen, Inhalte, Team, Infrastruktur frei zu wählen, nein: Fordern wir sie auf, unsere Grenzen der Erfahrung zu sprengen, Bildung im Alltag zu testen und herauszufordern. Der Digitalpakt des Bundes ist 5 Mrd. € schwer. Mit kaum 1,5% davon können wir jede dieser Modellschulen mit 1 Mio € ausstatten. Das können wir kurzfristig beschließen und im Sommer mit freiwilligen Schulen beginnen.
  1. Passen wir die Ausbildung von Lehrerinnen und Lehrern an. Digitalkompetenz ist messbar. Sie darf nicht mehr eine Kompetenz unter vielen sein, sondern muss zum Ausschlusskriterium werden: Wer die Chancen digitaler Bildung nicht durchdrungen hat und sein digitales Handwerk nicht versteht, darf sein Examen nicht bestehen können. Wir brauchen 100% digital mündige Bürgerinnen und Bürger im Lehramt.
  1. Schaffen wir Lernpläne für Lehrerinnen und Lehrer. Deren fachlicher wie pädagogischer Wissensstand veraltet mit dem Moment ihres Examens. In kaum einem Beruf würde sich noch jemand trauen, mit dem Wissen von vor zehn Jahren anzutreten. Aber von Lehrerinnen und Lehrern erwarten wir dies über ein ganzes Berufsleben. Sicher, wir schicken sie gelegentlich zu Fortbildungen. Hier wird die Absurdität ja aber erst zur Gänze sichtbar: Wenn Lehrerinnen und Lehrer etwas lernen sollen, müssen sie die Schule verlassen. Gestalten wir die Schule als Lernumgebung für alle, gerade für die Lehrerinnen und Lehrer. Sie werden damit auf neue Weise zum lernenden Vorbild.
  1. Ein Wort nur zu den Noten. Als Instrument zum Feedback sind sie ohnehin nur eingeschränkt tauglich. Und wenn wir es aus guten Gründen abwegig finden, Lehrerinnen und Lehrern für ihre Lernprozesse zu benoten, wird endgültig klar, warum das auch für Schülerinnen und Schüler nicht sinnvoll sein kann.

Die wesentliche Erkenntnis bleibt: Wir brauchen zukunftsfähige Bildung, dringend. Wir können heute anfangen. Einfach so.

Post Author: Michael Carl